Geschichte

Geschichte und Struktur | Ortsnamenforschung | Mittelalterliche Besitzverhältnisse | Die Reformation in Oberrißdorf | Krankheit und Sturm | Kirchenvisitationen | Dreißigjähriger Krieg | Die Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg | Ende 17. Jh. und Anfang 18. Jh. | Die westphälische Zeit | 1815: In preußischer Hoheit | Aus der Schulgeschichte | Die Dorfkirche Sankt Valentin | Häuser | Die Menschen | Die Infrastruktur | Die Flur der Gemeinde | Die Infrastruktur Teil II

Dr. Eberhard Eigendorf

Oberrißdorf – Geschichte und Struktur einer Gemeinde

Die Lage des Ortes und seine erste urkundliche Erwähnung

August Heine, Pfarrer in Unterrißdorf, hat in den „Mansfelder Blättern“, Beilage zum Jahrgang 1897, Seiten 117-182 „Beiträge zur Geschichte des Ortes Ober-Rißdorf im Mansfelder Seenkreise“ veröffentlicht, die auch heute noch für Historiker und Geographen sehr wertvoll sind und bei künftigen Forschungen stets beachtet werden sollten. August Heine beschreibt die Lage des Ortes wie folgt: „Vom Rande einer fruchtbaren, nach Norden und Osten sich erstreckenden Hochebene (= Mansfelder Hochfläche) schaut es nach Südwesten in das teils bewaldete, teils mit Weinbergen bepflanzte tiefe Tal des Freßbaches und weiterhin in die gesegneten, den Vorbergen des Harzes vorgelagerten Fluren der Eisleber Aue“, (Seite 117).

Die Weinberge sind heute fast vollständig verschwunden, größtenteils in Obstberge verwandelt worden. August Heines Feststellung, dass Oberrißdorf eines der schönstgelegenen Orte der Grafschaft Mansfeld sei, kann derjenige am besten nacherleben, der von der Eisleber Aue aus das Tal des Freßbaches entlang, an den idyllisch gelegenen ehemaligen drei Wassermühlen (Freßmühle, Buschmühle, Sandmühle) vorbei zum Weiher oberhalb der Sandmühle gewandert ist und hinauf zur Valentinskirche blickt. Wem, der romantisch empfinden kann, fällt da nicht die Gedichtstrophe von Ludwig Uhland ein: „Droben stehet die Kapelle, schauet still ins Tal hinab; drunten singt bei Wies und Quell froh und hell der Hirtenknab.“ Viele Male ist dieses Motiv gemalt und gezeichnet worden, am eindruckvollsten wohl von Arno Hofmann und Curt Mücke vor dem Zweiten Weltkriege.

Urkundlich charakteristische Schreibungen sind:

1121 Risdorph (die älteste),
1397 Ristorph uf dem Berge,
1411 Rissdorf uppe deme Berge,
1501 Rießdorf ufn Berge,
1555 Ober-Rissdorf.

Der Ort Rißdorf (Risdorph) steht nicht im Hersfelder Zehntverzeichnis; das Verzeichnis enthält nur Orte im südlichen Hosgau und seinem Westteil, Friesenfeld genannt, zwischen Willerstieg und Helme im Westen, Unstrut im Süden, Saale im Osten und südlich der Gewässerlinie Willerbach (Böse Sieben) – Süßer See – Salzke (Salza) im Norden, die den Zehnt an das Kloster des Heiligen Wigbert in Hersfeld/Hessen zu zahlen hatten. Alle Versuche, Orte außerhalb der genannten Grenzen für das Hersfelder Zehntverzeichnis in Anspruch zu nehmen, haben sich als nicht haltbar erwiesen, so auch im Falle von Oberrißdorf. Da das genannte Zehntverzeichnis geographisch geordnet ist und die kirchenzehntpflichtigen Orte jeweils im Uhrzeiger- oder Gegenuhrzeigersinn um den jeweiligen Burgward im Mittelpunkt angeführt werden, kann das im Burgward Dussina (Teutschenthal) angegebene Hisdorph nur Isdorph = Eisdorf meinen.

Divergierend ist auch die Deutung des Ortsnamens. Geomorphologisch orientierte Autoren meinen, Oberrißdorf sei das Dorf oberhalb des Wasserrisses oder einer Wasserrinne, genauer gesagt: des Tales, das der Freßbach von Süden her in die Buntsandsteinschichten der Mansfelder Hochfläche „eingefressen“ hat. Diese Deutung steht aber im Widerspruch zu der Tatsache, dass die meisten Ortsnamen auf die Endung -dorf einen Namen bzw. Vornamen enthalten, der von einer Anzahl von Forschern auch als der Name des Gründers angegeben wird; das wird sicherlich in einer Reihe von Fällen zutreffen, doch fehlen oft die urkundlichen Belege.

Nun gibt es aber zwei Rißdorf, das obere und das untere. Wenn der Ortsname ursprünglich nur für das untere Rißdorf, dicht nördlich der Bösen Sieben und damit ebenfalls außerhalb des Hersfelder Zehntverzeichnisses gelegen, galt, was voraussetzt, dass es nur ein Rißdorf ursprünglich gab und somit eine Unterscheidung in ein unteres und ein oberes Rißdorf nicht notwendig war, so ist Oberrißdorf das Dorf oberhalb des Rißdorfes „im Grunde“.

Den Siedlungsgeographen fällt auf, dass die verhältnismäßig kleine Oberrißdorfer Flur irgendwie aus einer größeren Gemarkung herausgeschnitten bzw. abgetrennt erscheint, und dass die größere Unterrißdorfer Flur dazu eine ideale Ergänzung ist.

Ortsnamenforschung

Oberrißdorf mit seiner Flur könnte das Tochterdorf von Rißdorf „im Grunde“ sein; die Anlage eines solchen Tochterdorfes wäre auch insofern sehr zweckmäßig gewesen, weil dadurch die Bewirtschaftung des Hochflächenfluranteils der Gemarkung wesentlich erleichtert wurde. Aus den Namen der Patrone der beiden Dorfkirchen – St. Liudger und Maternus für die Unterrißdorfer, St. Valentin für die Oberrißdorfer Kirche – lässt sich allerdings kein wesentlicher Altersunterschied der beiden „Risdorph“ ableiten. Bei den urkundlichen Erwähnungen des Ortsnamen „Rißdorf“ zwischen 1121 und 1468 muß man streng prüfen, ob diese sich auf „Rißdorf auf dem Berge“ oder auf „Rißdorf im Grunde“ oder „Richardsdorf“ beziehen. Das Kirchenbuch von Unterrißdorf, das 1618 beginnt, enthält den Zusatz, dass dieser Ort früher auch „Richardsdorf“ geheißen habe. Aus dem Ortsnamenforscher keinesfalls stichhaltigen Gründen sucht ein Teil der Historiker von H. Größler bis E. Neuß aber nach dem dritten wüstgewordenen Ort, der Richardsdorf hieß. Selbst in seiner Abhandlung „Die Wüstungen der beiden Mansfelder Kreise (See- und Gebirgskreis)“ (1969/1971) sucht E. Neuß nach dieser Wüstung und siedelt diese schließlich am Brachbornsberg unweit von Unterrißdorf in Richtung Wormsleben an. Haben die Genannten die Eintragung betreffend Unterrißdorf/Richardsdorf im Unterrißdorfer Kirchenbuch nicht gekannt? Diese Eintragung liefert nämlich die plausibelste Deutung des Ortsnamens Rißdorf; schon A. Heine hatte (1897) vermutet, dass Richardsdorf gar keine selbständige Siedlung gewesen sein könnte, sondern sich in einem der beiden Rißdorf verbirgt; naturgemäß kann das dann nur das ältere, das „Rißdorf im Grunde“ gewesen sein.

So enthält auch der Ortsnamen Rißdorf vor der Endung -dorf einen Vornamen; die Verkürzung von „Richardsdorf“ zu „Rißdorf“, die schon bei schnellem Sprechen entstehen kann, hat eine bemerkenswerte Entsprechung, auf die hier hingewiesen sei: Zwei Kilometer östlich von Wippra liegt im Tal der Mansfelder Wipper Friesdorf; dieser Ortsnamen hat nichts mit den Friesen zu tun, hier wurde analog zum Falle „Rißdorf“ Friedrichsdorf zu Friesdorf verkürzt.

Die Urkunde von 1121, in der zu den Besitzungen des Klosters Wimmelburg in Risdorph 5 ½

Hufen Ländereien und zwei Wäldchen gerechnet werden, kann insofern mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Oberrißdorf bezogen werden, als sich diese 5 ½ Hufen und 1 Wäldchen später als Besitz der Oberrißdorfer Pfarre eindeutig nachweisen lassen; vermutlich hat Graf Albrecht IV. von Mansfeld-Hinterort bei der Aufhebung des Klosters Wimmelburg 1525 diese Besitzungen der Oberrißdorfer Pfarre geschenkt.

Ein gewisses Rätsel bleibt ein nach dieser Urkunde zu vermutender Wechsel des Kirchheiligen der Oberrißdorfer Kirche von St. Cyriacus zu St. Valentin; das lässt sich aber relativ leicht erklären, wenn man annimmt, dass St. Cyriacus ein zeitweiliger Mitpatron von St. Valentin war (oder auch umgekehrt) – auch die Unterrißdorfer Kirche hat zwei Patrone: St. Liudger und St. Maternus -, oder aber wenn man in Betracht zieht, dass es zwei Gottesdienststätten in Oberrißdorf gegeben hat, von der später nur die Valentinskirche übrig blieb. In einer das Zisterzienserinnenkloster Helfta betreffenden Urkunde aus dem Jahre 1400 ist tatsächlich von einer Cyriacuskirche in Ristorp die Rede.

Wann wird nun „Rißdorph auf dem Berge“ zum ersten Male urkundlich ausdrücklich so genannt? Am 13. Mai 1397 verkauften die Brüder Albrecht und Godecke Bog ihren Zehnt zu Ristorph uf dem Berge an das Benediktinerkloster Wimmelburg.

Am 24. Juni 1411 verkauften der Abt Ehrhard, der Prior Conrad und der Klosterkonvent Wimmelburg an den Dekan Dietrich, das Kapitel und den Vikar Rulef Bor zu Unser lieben Frauen in Halberstadt, Vorsteher des Testaments des ehemaligen Vikars Volrad von Artern dortselbst, „twen teyden“ (wohl zwei Weiden) zu Volkstedt und „Rißdorf uppe deme Berge, gelegen by Isleve“ (Eisleben) wiederverkäuflich.

Mittelalterliche Besitzverhältnisse

In bezug auf die mittelalterlichen Besitzverhältnisse, soweit diese sich aus den Urkunden ergeben, lässt sich folgendes sagen: In Oberrißdorf war vornehmlich das Benediktinerkloster Wimmelburg begütert, das Zisterzienserkloster Helfta dagegen nur mit 5 Zensiten und etwas über 2 ½ Hufen.

Im Zinsbuch des Klosters Helfta stehen die Namen der Zinspflichtigen aus „Ristorf ufm Berge“ und die Beträge bzw. Art ihrer Zinsabgaben:

Jacob Ditterich: acht alte Pfennige von einer halben Hufe Landes,

Kersten Gebhart: vier alte Pfennige von acht Morgen Land,

Paul Luttiche: einen Groschen vier Pfennige von einer Hufe Land, die Hermann Artzdes gehörte,

Glorius Bruch: 2 Hühner von einer Hufe Landes, die schon seinem Vater gehörte und Benedikt Hase und

Valten Rosz: ein Pfund Wachs von einem Holzfleck, der zuvor Herrn Erhard in Volkmaritz und Herrn Valentin gehörte.

Bei den Erbteilen der Mansfelder Grafen 1501 fiel „Rießdorf ufn Berge“ an das Oberamt Eisleben und damit an die Grafenlinie Mansfeld-Hinterort, d.h. an den Reformationsgrafen Albrecht IV. (1480-1560); „Rießdorf im Grunde“ kam dagegen an die Grafenlinie Mansfeld-Mittelort und wurde dem Amte Seeburg eingegliedert.

Die Reformation in Oberrißdorf

Graf Albrecht IV. von Mansfeld-Hinterort trat mit seinem Bruder Gebhard wohl schon 1518 zum evangelischen Glauben über. Wenn sich auch im einzelnen nicht bestimmen lässt, in welchem Jahr in welchem Ort die evangelische Lehre eingeführt wurde, so ist jedoch mit ziemlicher Sicherheit anzunehmen, dass die Reformation im Hoheitsgebiet dieser beiden Grafen 1525 durchgeführt war, somit auch in Oberrißdorf.

1546 begleitete der Oberrißdorfer Pfarrer Valentin Schreyner nach Luthers Tod (18.Februar) die nach Wittenberg zu überführende Leiche des Reformators durch Eisleben.

Krankheit und Sturm

1549 forderte die Pest auch in Oberrißdorf viele Opfer, worüber Cyriacus Spangenberg in seiner „Mansfelder Chronica“ berichtete (1. Band Seite 459). Gleicher Quelle zufolge wütete 1576 in Oberrißdorf ein Sturm, der viele Häuser beschädigte.

Kirchenvisitationen

Am 29. September 1570 und am 20. Juni 1578 fanden Kirchenvisitationen in Rießdorff uffn Berge statt. 1570 hieß der Pfarrer Georg Koch, der Schulmeister Joachim Müller; 1580 amtierte Johann Krause als Pfarrer, sein Schulmeister war Jacob Müller.

Am 18. Juni 1588 fand zu Rißdorff uffm Berge die nächste Visitation statt; die Visitationsgruppe stand unter der Leitung de Generalsuperintendenten Magister Hieronymus Menzel aus Eisleben; ihr gehörten 5 weitere Personen an, davon 3 Geistliche und 2 weltliche Herren. Unter den Geistlichen war Georg Herbst, Pfarrherr und Dekan zu Mansfeld, unter den weltlichen Herren Joachim Tempel, Amtsschösser, dessen prächtiges Renaissancewohnhaus mit dem berühmten Paradieserker von 1574 noch heute in der Neustadt Eisleben, Strasse der Opfer des Faschismus 92 (Breiter Weg) zu sehen ist. Damals (1588) war Pfarrherr in Oberrißdorf Gabriel Strauß, sein Schulmeister war Martin Dietsch. 1602 hat Graf Ernst von Mansfeld die Ortschaften „Rießdorf, Erdeborn, Hergesdorf, Kreßfeld und Lüttgendorf“ den beiden Herren Anton und Heinrich von Mengersen auf dem Amt Erdeborn wiederverkäuflich „zugeschlagen“, von denen sie 1637 an die Herren von der Streithorst kamen.

Dreißigjähriger Krieg

Unter den Drangsalen des Dreißigjährigen Krieges hatte auch Oberrißdorf ab 1623 schwer zu leiden, wie Urkunden im Pfarrarchiv und auch Angaben im „Chronicon Islebiense“ beweisen.

1623: Die Einwohner flohen

Am 8. März 1623 wurde die Stadt Hettstedt durch den Herzog Wilhelm von Sachsen eingenommen und von seinem Kriegsvolk gründlich geplündert. Das Kriegsvolk quartierte sich darauf in den der Stadt Eisleben benachbarten Ortschaften ein; weitere Einquartierungen folgten und wiederholten sich mit vielerlei Schrecken und Qual bis Ende des Jahres 1623. Die Landbewohner, die allen diesen Geschehnissen schutzlos preisgegeben waren, flüchteten sich in die benachbarten Städte oder größeren Ortschaften, wo sie sicher zu sein glaubten. So flohen auch die Bewohner von Oberrißdorf bis auf den Pfarrer, den Schuldiener und einige weitere Einwohner teils nach Eisleben, teils nach dem benachbarten Hedersleben, wo sie bei dem dort residierenden Grafen Christoph von Mansfeld Schutz zu finden hofften. Der Oberrißdorfer Pfarrer ging 1623 nach Hedersleben, um dort seinen Pfarrkindern zu predigen und ihnen „aufzuwarten“.

Die Pest von 1626 blieb in Oberrißdorf – wie es in der Acta Nr. 25 des Pfarrarchivs heißt, „unmerklich“, weil der Ort verlassen war.

1628: Einquartierungen

Auch im Jahre 1628 gab es Kontributionen und Einquartierungen; so kam am 8. Februar eine Kompanie Reiter unter dem Obristen Montecuculi nach Oberrißdorf, wovon aber Pfarrer M. Jacobus Ritter allein anfangs 16 Pferde und 14 Personen, dann sogar 28 Pferde versorgen musste. „Gott kann bezeugen“, so schrieb Pfarrer Ritter an den Grafen Friedrich Christoph von Mansfeld-Hinterort in Hedersleben, „dass ich fast kein Hembde, ja nicht ein bahr Schue an die Füße zu ziehen behalten“ (Urkunde im Pfarrarchiv vom 12. Februar 1628).

Laut „Chronicon Islebiense“ musste am 12. und 13. August 1628 dem Piccolominischen Regiment zu Roß von Eisleben nach Helbra, Erdeborn und „Rißdorf ufn Berge“ Proviant geschickt werden (Seite 114).

1631: Plünderer fanden nichts

Am 19. November 1631 erstürmten schwedische Truppen das Haus Mansfeld und zogen dann plündernd in die Dörfer das Mansfelder Landes, wo sie die Kirchen erbrachen und alles Wertvolle herausnahmen; in Oberrißdorf aber fanden sie nichts, weil die Kirchengerätschaften in die Superintendentur nach Eisleben gebracht worden waren (Pfarrakte Oberrißdorf Nr. 24).

Die „Chronicon Islebiense“ berichtet aus den Jahren 1631 bis 1644 noch von mannigfaltigen Durchzügen und Einquartierungen der verschiedensten Truppenteile, so kamen 1631 im Mai und August Truppen des kaiserlichen Feldherrn Tilly, 1634 die Armee des Kurfürsten von Sachsen , 1636 und 1639 Truppen des Schwedengenerals Bannér, 1641 kaiserliche Reiter, danach die Schweden, 1644 ein Truppenverband des kaiserlichen Obristen Donop u.a.; dabei ist zu bedenken, dass, wenn der Stab oder die Kerntruppe in Eisleben sich einquartierte, stets auch die Mehrzahl der Dörfer der Umgebung von Einquartierungen, Beschlagnahmungen, Plünderungen und dergleichen betroffen wurde.

Wie sah Oberrißdorf kurz vor dem Ende des Dreißigjährigen Krieges aus?

1646: Dorf wie ausgestorben

Darüber gibt ein Visitationsprotokoll vom 14. September 1646 Auskunft. Die Visitationsgruppe wollte „nach verrichteter Visitation in Hedersleben“ wieder nach Eisleben fahren und auf dem Rückwege auch Oberrißdorf visitieren. Der Pastor Vitus Ortung gab eine Krankheit vor, und da in Oberrißdorf „kaum noch vier oder fünf Einwohner“ waren, so die anderen größtenteils zu Hedersleben „wohnhaft“ seien, so wurden Kirche und Pfarre nur besichtigt. Die Kirche befand sich laut Visitationsprotokoll vom 14. September 1646 in einem sehr beklagenswerten Zustand, so „der Oberkirchboden wie auch das Dach sehr bös, daher der Regen einen Balken in der Mauer oben am Fenster sehr erweichet.“ In der Pfarre „sind wenig Thür und Fenster funden, das Dach und Fach(-werk) ist alles bös“, von der Schule „steht nichts davon als die bloßen Wände.“ (Pfarrakte Nr. 25).

Die Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg

1651: Ort wieder bewohnt

1651 war die Schule so baufällig – wohl noch immer – dass man bei Andreas Heck eine Schulwohnung mieten musste. Aus dieser Nachricht kann man schließen, dass ein größerer Teil der nach Hedersleben und anderswo geflohenen Oberrißdorfer Einwohner mit ihren Kindern nach dem Friedensabschluss zu Münster und Osnabrück (1648) in ihren Heimatort zurückgekehrt war. 1652 sind in der Oberrißdorfer Valentinskirche die zerstörten „Weiberstühle“ wieder aufgebaut worden. Am 8. Mai 1654 hat man die große Glocke dieser Kirche, die Pfingsten 1652 „zerborst“, durch Joachim Janecke aus Großen Saltze hinter dem Kirchhof umgießen lassen. 1676 sind Pfarrhaus, Scheune und die meisten zur Pfarre gehörenden Ställe wüst und baufällig.

1680: Neubau des Pfarrhauses

Im Jahre 1680 begann endlich der dringend notwendige Neubau des Pfarrhauses, nachdem das alte Haus bis auf den Grund abgenommen und am 11. Mai der Grundstein zum neuen gelegt wurde; im Sommer und Herbst des genannten Jahres fand der Ausbau statt. Pfarrer war damals Paul Pfuel, der über den Pfarrhausneubau sorgfältige Aufzeichnungen hinterließ. Dieses Gebäude hat bis 1830 – also genau 150 Jahre – gestanden.

1681: Ein schlimmes Pestjahr

Vielleicht die schrecklichste Prüfung in seiner Geschichte erlebte Oberrißdorf und wohl auch die ganze Grafschaft Mansfeld ein Jahr nach dem Bau des Pfarrhauses: die Pest von 1681. Sie begann im Juni und endete im späten Herbst, wütete also fünf Monate lang; die Seuche raffte in der Grafschaft Mansfeld nach den Eintragungen der Kirchenbücher beinahe zwei Drittel der Bewohner dahin, in Oberrißdorf noch mehr. Zwischen dem 7. Juni und dem 6. Oktober 1681 sind 144 Personen als Gestorbene eingetragen – in Normaljahren waren es vier bis sieben! Ab 7. Oktober 1681 fehlten im Kirchenbuch die Eintragungen, weil vermutlich niemand mehr da war, der hätte eintragen können. Man muss wohl annehmen, dass im Jahre 1681 von den etwa 200 Einwohnern zwischen 150 und 160 gestorben sind.

Ende 17. Jh. und Anfang 18. Jh.

Aufzeichnungen fehlen

Das Ende des 17. und der Anfang des 18. Jahrhunderts verlief für die Gemeinde Oberrißdorf ruhig; „wenigstens“, so schrieb Pfarrer August Heine (1897), „sind aus dieser Zeit keine Aufzeichnungen wichtiger Begebenheiten vorzufinden“.

Erst der Siebenjährige Krieg (1756 – 1763) brachte wieder neue Bedrängnisse und Unruhen. Bis 1760 hatte das Mansfelder Land nichts erhebliches zu leiden; von diesem Jahre an, besonders durch die Schlacht von Torgau, begannen häufigere Einquartierungen, umfangreiche Kriegslieferungen und auch Plünderungen.

Im April und Mai 1760 mussten Getreidelieferungen abgeführt werden, 1761 eine große Lieferung von Mehl und Leinwand zu Verbänden für die Verwundeten (nach Notizen aus dem Oberrißdorfer Klingelstockregister). Viel mehr als die für die offiziellen Truppen zu erbringenden Leistungen nahmen die sogenannten „Freibeuter“, die mit ihren Korps in die Dörfer einfielen und die Bewohner ausplünderten. Sobald die Gegend von preußischen Truppen entblößt war, drang von Naumburg her das Streifkorps des Hauptmanns Otto raubend und plündernd in die Grafschaft Mansfeld ein; es kam auch nach Oberrißdorf, so am 7. und am 27. Oktober 1761.

Der am 15. Februar 1763 geschlossene Frieden zu Hubertusburg machte diesen Kriegsnöten ein Ende.

Die westphälische Zeit

Neue Opfer brachte die westphälische Zeit, die durch die preußische Niederlage gegen Napoleon am 14. Oktober 1806 bei Jena und Auerstedt eingeleitet wurde.

1807 mussten die Oberrißdorfer Einwohner infolge hoher Kriegssteuer von der Kirche 250 Taler borgen; 1808 mussten sie 2119 Taler aufbringen, die ihnen der Faktor Keßler aus Eisleben gegen 6 Prozent Jahreszinsen borgte (siehe Kirchenrechnung von 1807 und Oberrißdorfer Gemeindeakten!).

Am 12. März 1808 wurden die „Untertanen“ der Grafschaft Mansfeld ihres Eides entlassen und westphälische Kommissare nahmen die Huldigung für König Hieronymus Napoleon an.

Am 1. Mai 1808 wurde das Zivilstandsgesetz eingeführt; u.a. wurden anstelle der bisherigen Ortsschulzen „Maires“ eingesetzt. Maire von Oberrißdorf wurde der Anspänner Christoph Reußner.

Zwischen November 1806 und April 1813 wurde auch die Gemeinde Oberrißdorf von Einquartierungen napoleonischer Truppen oder von deren Verbündeten betroffen.

Als am 9. und 10. April 1813 die ersten Kosaken im Mansfelder Lande eintrafen, war die Freude zu früh; die Kosaken wurden bereits am 17. April durch die Franzosen wieder vertrieben und trotz ihrer Rückkehr in verstärkter Anzahl am 25. April durch die nach Leipzig ziehenden Truppen des westphälischen Vizekönigs erneut zurückgedrängt. In Oberrißdorf rückten wieder die Franzosen ein, am 27. April erschien der Vizekönig selbst mit 3000 Mann in Eisleben, von denen zuerst 100 Mann, später 60 Mann in Oberrißdorf einquartiert wurden. Als diese endlich abgezogen waren, entstand eine große Hungersnot, da sämtliche Nahrungsmittel aufgezehrt waren.

Obwohl am 18. Oktober 1813 in der Völkerschlacht bei Leipzig die Franzosenherrschaft zu Grabe getragen worden war, erfolgten noch bis Mitte Januar 1814 verschiedene Einquartierungen von Truppen der Gegner Napoleons, die ertragen werden mussten.

1815: In preußischer Hoheit

Am 25. September 1815 ging auch das Mansfelder Land mit der „Huldigung der Provinz Sachsen“ in preußische Hoheit über, und eine lange Friedensperiode begann.

Ab 24. März 1830 wurde das Pfarrhaus von 1680, das 1705 ein zweites Stockwerk erhielt, abgerissen, da eine gründliche Reparatur sich als zu kostspielig erwies.

1830/1831: Neues Pfarrhaus gebaut

Am 3. Mai 1830 wurde am Westgiebel der Grundstein für ein neues Pfarrhaus gelegt, dessen Bau nur langsam vonstatten ging, so daß ohne Bedachung den Winter über liegen blieb. Da die mit dem Bau beauftragten Handwerker versagt hatten, wurden der Zimmermeister Wölfer und der Maurermeister Elies, beide aus Eisleben, mit der Fortführung des Baues betraut, die nach Vornahme notwendiger Verbesserungen den Bau am 22. Oktober 1831 vollendeten. Der Bau, der ein Jahr und sieben Monate dauerte, kostete 2059 Taler.

1849: Scheunen brannten nieder

Am 7. Juli 1849 abends gegen 18 Uhr brach in einem Nachbargehöft des Pfarrhauses Feuer aus, das die Pfarrscheunen, die Scheunen der drei westlichen Nachbarn und ein Wohnhaus einäscherte. Eine neue Pfarrscheune wurde bereits 1850 noch vor der Ernte vollendet. 1881 wurde ein Brunnen im Hofe des Pfarrhauses gegraben und 1887 vertieft. 1886 wurde der Pfarrhof mit Würfelschlacken gepflastert und 1891 ein Wasserleitungsrohr der kommunalen Wasseranlage in Pfarrhof und Küche gelegt.

Aus der Schulgeschichte

In der Zeit des Staatskirchentums (bis 1918) standen Kirchgemeinde, Pfarre und Schule in einem engen Verhältnis, so auch in Oberrißdorf; die Schule war gewissermaßen sowohl kirchliche als auch weltliche Lehranstalt.

Das erste Oberrißdorfer Schulgebäude, von dem wir wissen, stand schon vor 1563 auf der nordwestlichen Ecke des Kirchhofes nach Süden zu. Zu ihm gehörten einst eine kleine Scheune nebst Stallungen und Garten. Das Gehöft lag jedoch nach 1648 wüst; man musste sich einige Zeit mit einer gemieteten „Schulbehausung“ behelfen.

1650 wurde das alte Schulhaus notdürftig wieder instandgesetzt und 1698 an dessen Stelle ein neues errichtet, das bis zum Jahre 1838 stand.

1838: Neubau der Schule

Ursprünglich war für die Schule überhaupt kein Neubau vorgesehen, sondern man kaufte auf Rechnung der Kirche nach Verhandlungen vom 8. Juli 1837 das etwa 100 Schritte westlich vom bisherigen Schulgebäude gelegene Rosesche Kossatengut (Haus mit Zubehör, Garten und Kabel sowie 13 Äcker) für 1300 Taler. Dieses Haus erwies sich aber zur Benutzung als Schule ungeeignet; so beschloss man, es ganz niederzureißen und an seiner Stelle ein geeignetes „Schulhaus“ zu erbauen.

Noch 1837 erfolgte der Abriss des Roseschen Hauses; der Neubau begann im Frühjahr 1838.

Bereits am 2. September 1838 erfolgte die Einweihung der neuen Oberrißdorfer Schule unter Pfarrer A. Heine sen. und Lehrer Keitel. Der solide Bau kostete etwa 1360 Taler.

1878 erfolgte, da die Lehrerwohnung zu eng wurde, ein Anbau (Stube und Kammer) nach Westen hin; 1891 schließlich erhielt die Schule Wasserleitungsanschluss.

Die Dorfkirche Sankt Valentin

Einziges unter Denkmalschutz stehendes Gebäude von Oberrißdorf ist die Dorfkirche St. Valentin. In Georg Dehio „Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler. Der Bezirk Halle“ (Akademie-Verlag Berlin 1976) wird diese Kirche auf Seite 337 wie folgt beschrieben:

„Im wesentlichen spätgotische Anlage mit dreiseitigem Ostschluss um 1500. Der Westquerturm mit gekuppelten Schallöffnungen ist noch spätromanisch, sein Westportal mit Stabwerkrahmen spätgotisch. Die Kirche wurde im Barock und in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stark erneuert; im Inneren Holztonne mit unterlegten Rippen, auf den Scheitelpunkten Wappenscheiben und Bildnismedaillons. Im Chorpolygon befindet sich eine spätgotische fialengeschmückte Sakramentsnische. Die hölzerne, mit den Wappen der Kirchenpatrone geschmückte Kanzel wurde 1715 gefertigt; unter dieser Kanzel befindet sich eine gemalte Ölbergszene von Carl Ruprecht aus Eisleben. Reste einer spätgotischen Schnitzfigur sind auf der nördlichen Chorloge deponiert.“

Weitere interessante Einzelheiten über die St. Valentinskirche weiß A. Heine (1897) zu berichten: Sie ist im Grundriß rechteckig, nach der Ostseite schmal auslaufend. Die Mauern des Gebäudes sind ungefähr ein Meter dick, die darin angebrachten Spitzbogenfenster ohne Maßwerk stark verwittert. Der ältere Teil des Baues, der nach Westen stehende Turm, ist von geringerer Breite als die Kirche und durchaus nicht lotrecht gebaut; er hat ja zwei Schallöcher nach Osten und Westen und je eines nach Norden und Süden und zeigt gekuppelte romanische Fenster mit Würfelkapitellen, die in das 12. Jh. zurückweisen. Auf dem Turme hingen 1897 drei Glocken von 1,28m, 0,88m und 0,70m Durchmesser.

Während früher der Kircheneingang an der Nordseite in der Nähe des etwa ein Meter zurückgetretenen Turmes sich befand, wurde 1715 eine spitzbogige Eingangstür in die Westseite des Turmes gebrochen, der heutige Zugang.

Hinter dem Altar erblickt man die obere Hälfte eines geschnitzten Bischofsbildes, wahrscheinlich St. Valentin, den Schutzpatron der Kirche, darstellend. Der halbachteckig geschlossene Altarraum enthält hinter dem Getäfel der Evangelienseite ein mit Fialen geschmücktes Sakramentshäuschen mit Steinmetzzeichen und der Jahreszahl 1504.

Der letzte gründliche Umbau der Oberrißdorfer St. Valentinskirche fand 1863/64 statt (Kosten 2156 Taler); die Einweihung erfolgte am 24. Juli 1864. Die damals neue, später vergrößerte Orgel wurde von Orgelmeister Voigt aus Eisleben gefertigt. 1867 wurde ein neuer Glockenstuhl errichtet. Die jetzige Turmuhr stammt aus dem Jahre 1869 und ist ein Werk des Eisleber Uhrmachermeisters Kuhlmey. 1888 erfolgte der Einbau einer Niederdruckdampfheizung (Dampfkesselhaus außerhalb der Kirche).

Häuser

Gehöfte, Talgrundhäuser, Mühlen

Oberrißdorf ist nach seinem Grundriss nach ein typisches deutsches Straßendorf. Auf der nördlichen Seite der Dorfstraße liegen die bäuerlichen Gehöfte, außerhalb der Straßendorfdoppelzeile befinden sich am Abhang des Freßbachtales die sogenannten „Talgrundhäuser“ und die Mühlen, die Obermühle und die Buschmühle im Freßbachtal und die Holländermühle auf dem Schenkfeld. Die Buschmühle gehört neuerdings zur Gemarkung Unterrißdorf; die Freßbachmühle am Ausgang des Freßbachtales zur Eisleber Aue („Hohensteinsche Mühle“) lag stets auf Unterrißdorfer Flur.

Bemerkenswerte Gebäude

A. Heine zählte im Jahre 1897 insgesamt 60 Hausnummern in Oberrißdorf; Straßenbezeichnungen gab es damals noch nicht. Bemerkenswerte Gebäude waren damals:

die Pfarre (Nr. 22),
die Schenke (Nr. 29),
die Schule (Nr. 35),
die Obermühle (Nr. 47; urkundlich 1568 erstmals erwähnt. Inhaber war Generalsuperintendent Hieronymus Menzel in Eisleben; 1587 war Peter Dietrich Besitzer),
die Buschmühle (Nr. 48; erster bekannter Inhaber von 1614-1629 war Urban Geißler sen.),
die Holländermühle auf dem Schenkfeld (Nr. 49; 1837 von Christoph Karl Oehring errichtet).

Die Besitzer der Nummern 49 – 60 werden von A. Heine als „Neuanbauer“ bezeichnet, da ihre Gehöfte (Häuser) erst zwischen 1831 und 1886 entstanden sind; im einzelnen:
Nr. 49- die Holländermühle (1837),
Nr. 50 (1845),
Nr. 51 (1833),
Nr. 52 (1831),
Nr. 53 (1856),
Nr. 54 (1866),
Nr. 55 (1852),
Nr. 56 (1834),
Nr. 57 (1837),
Nr. 58 – die „Italienische Villa“ am Abhang zum Freßbachtal (1885),
Nr. 59 – das Arbeitshaus des Großbauern R. Buchmann (1874) und
Nr. 60 (1886).

Die Menschen

Bewohner des Dorfes

Oberrißdorf ist von Anfang an ein reines Bauerndorf gewesen, ohne einen adligen Herrensitz in seiner Mitte. Die Einwohner teilten sich in Bauern und Anspänner (Ganzspänner mit 4, Halbspänner mit 2 Pferden), Kossaten, die ein Haus (Kate) mit etwas Feld besaßen, Häusler (nur ein Haus, aber kein Feldbesitz) und Hintersassen, die ohne eigenen Besitz auf fremder Hufe saßen und Schutzgeld zahlen mussten. Die Hintersassen wurden, wenn sie zur Miete wohnten, auch „Einlieger“ genannt. Erst seit 1779 gab es „Kolonisten“ oder Neuansiedler.

Nur die Ganz- oder Halbspänner galten als vollberechtigte Dorfgenossen, welche die Gemeindegüter nutzen, das Hütungsrecht in Anspruch nehmen und an den Gemeindeversammlungen mit beschließender Stimme teilnehmen durften; sie waren ihrerseits dem Grundherrn lehnspflichtig und mussten bei jedem Besitzwechsel um die Lehen nachsuchen, so dass der Grundbesitz ohne Zustimmung des Lehnsherrn weder veräußert noch vereinzelt werden durfte. Die Aufnahme in der Gemeinde durfte nur mit Zustimmung der Vollberechtigten gegen Erstattung einer gewissen Abgabe – im Normalfall ein Fass Bier, das gemeinschaftlich von den Gemeindemitgliedern ausgetrunken wurde – und einer geringen Geldabgabe an die Kirche (sogenanntes „Bauernmahl“) erfolgen.

Die Gerichtsbarkeit

An der Spitze der Gemeinde stand der Richter oder Schulze mit zwei Schöppen, die ihre Gemeindeversammlungen an dem „Bauernsteine“, der mitten im Dorfe lag, abhielten. Anfangs übten diese auch die nieder Gerichtsbarkeit über das Dorf aus.

Bevölkerungsentwicklung

Im Jahre1784 hatte Oberrißdorf 234 Einwohner, es gab 47 Feuerstellen, 7 Voll- und 4 Halbspänner und 38 Kossaten und Häusler, zu denen seit 1831 noch 11 Neuanbauer kamen. Die Einwohnerzahl Oberrißdorfs stieg von 332 Einwohnern im Jahre 1864 auf ca. 385 Einwohner im Jahr 1897; 1919 waren es 368 Einwohner, 1925 wurden 400 Einwohner gezählt, 1933 waren es 387 Einwohner in 98 Haushalten, davon 203 männliche und 184 weibliche. 1974 betrug die Einwohnerzahl 421. 1925 wurden 55 Wohnhäuser gezählt, in denen sich 93 Haushaltungen befanden.

Die Infrastruktur

Entwicklung der Infrastruktur

1884 wurde die Oberrißdorfer Dorfstraße frisch gepflastert, 1890 die Wasserleitung erbaut. 1910 erhielt Oberrißdorf elektrischen Strom von der Überlandzentrale Amsdorf; 1927 wurde die elektrische Straßenbeleuchtung eingeführt.

1928 hatte Oberrißdorf 57 Hausnummern, mit den Nummern 29a, 29b, 44a, 48a und 56a insgesamt 62 Wohnhäuser. Nr. 35 war Kirche und Schule, Nr. 48 das sogenannte „Artamanenheim“ und Nr. 56 das Wasserwerk.

1928 gab es in Oberrißdorf einen Gasthof, 2 Bäcker, 2 Materialwarengeschäfte, 2 Schuhmacher, einen Schmied und einen Stellmacher. 1989 gab es in Oberrißdorf keinen selbständigen Handwerker mehr; eine Konsumverkaufsstelle „Waren täglicher Bedarf“ und eine Konsumlandgaststätte waren noch in Funktion.

Auch die Wassermühlen im Freßbachtal hatten mindestens vor 1970, wohl schon vor 1960 ihren Betrieb eingestellt; der Holländer auf dem Schenkfeld ist in einer Federzeichnung zu E. Neuß „Wanderungen durch die Grafschaft Mansfeld“ (1938) bereits als Kegelstumpfruine dargestellt.

Die Flur der Gemeinde

1925 zählte die Oberrißdorfer Flur 629,05 ha; davon entfielen auf die landwirtschaftliche Nutzfläche 593,82 ha; 4,78 ha waren Holzland (oberes Gehölz am Osthang des Freßbachtales gegenüber dem Teich dicht oberhalb der Sandmühle), 29,45 ha wurden von Wegen, Gewässern und den Haus- und Hofräumen der Ortslage eingenommen.

Der Grundsteuerreinertrag je Morgen betrug 14 Mark; zum Vergleich: Hedersleben 14,60 Mark, Dederstedt 14,10 Mark, Rottelsdorf 14,60 Mark; alles vorwiegend Löß- und Lehmböden der Mansfelder Hochfläche von guter Bonität.

In der Flur von Oberrißdorf können die flachen Wölbungen von Hu-Hügel (241,5m über NN, „Petersberghöhe“) und Schalksberg (226,4n über NN) den Eindruck einer weiten Ebene (Mansfelder Hochfläche) nicht verwischen. Otto Krümmling hat in seiner „Flurnamengeographie des Mansfelder Seengebietes“ (Mein Mansfelder Land. Heimatbeilage zur Eisleber Zeitung. 1938) auch die Flurnamen der Gemarkung Oberrißdorf angegeben: Am Dorfe, Am Mansfelder Wege, Am Volkstedter Wege, das Bergfeld, das Gethfeld, das Hohe Feld, das Nonnenfeld, das Schenkfeld, der Flickenast, die Kohlstücken, die Lüttgenbreite, die Pollebsche Marke, der Hu-Hügel, Sandmühle und Über den Weinbergen.

Die Lage dieser Flurteile nach den Katasterunterlagen ist folgende: im NW-Teil der Oberrißdorfer Flur nach Polleben zu liegen die Pollebsche Marke und das Hohe Feld, an dessen Südrand der Hu-Hügel, mit 241,5m über NN der höchste Punkt der Gemarkung. Direkt nördlich der Landstraße Volkstedt – Oberrißdorf erstreckt sich die Flur „Am Dorfe“ und westlich davon „Am Volkstedter Wege“. Südlich dieser Landstraße liegen zum Nonnental zu das „Nonnenfeld“ und die Flurstücke „Über den Weinbergen“, die am Südhang zum Nonnental früher reichlicher vorhanden waren. Südlich der Ortslage Oberrißdorf kommt der Flurname „Sandmühle“ vor, wohl Feldteile, die einst zur Sandmühle im Freßbachtal gehörten. Den Südostteil der Oberrißdorfer Gemarkung nehmen südlich der Landstraße Oberrißdorf – Hedersleben das „Schenkfeld“ und südlich davon das „Bergfeld“ ein, das vom Ort aus den Blick in das Mansfelder Seengebiet verwehrt.

Auf dem Schenkfeld steht in exponierter Lage noch heute der Turmstumpf der Holländermühle. Nördlich der Oberrißdorfer Ortslage erstreckt sich das „Gethfeld“ und wiederum nördlich davon die „Lüttgenbreite“ (kleine Breite). Nördlich der Landstraße Oberrißdorf – Hedersleben liegen direkt an der Straße die „Kohlstücken“, nördlich davon der „Flickenast“, und wiederum nördlich davon schließt das Flurstück „Am Mansfelder Wege“ die Gemarkung Oberrißdorf nach Nordosten ab.

Nur wenige dieser Flurnamen bedürfen einer Erklärung. Ob die Kohlstücken dem Kohlanbau dienten oder einem Herrn Kohl gehörten sei dahingestellt. Der Flickenast dürfte seinen Namen nach seiner geometrischen Form erhalten haben. Otto Krümmling (1938) vermutet in dem Schenkfeld eine Schenkung an eine kirchliche Institution, ohne dafür Beweise vorzulegen; das Feld könnte auch einst einem Herrn Schenk oder der Schenke (Schänke) als Besitzer seinen Namen verdanken. Im Nonnental dürfte Besitz des Zisterzienserinnenklosters Helfta gelegen haben. Das Flurstück „Am Mansfelder Wege“ erstreckt sich bis zu dem Wege Hedersleben – Polleben – Klostermansfeld – Mansfeld, ist also eine Lagebezeichnung, die nicht von der Ortslage Oberrißdorf her zu verstehen ist.

Der interessanteste der Oberrißdorfer Flurnamen ist das „Gethfeld“ direkt nördlich der Ortslage. Unter dem Gethfeld findet ständig Auslaugung der über dem Kupferschieferflöz lagernden Zechsteinsalze statt, so dass schon H. Größler auf Senkungswannen (Dellen), Versicherungsstellen, kleine Einsturztrichter und kleine sumpfige Stellen („Bruch“) aufmerksam machte. „Geth“ bedeutet im Niederdeutschen Bruch oder Bruchfeld. Das ist sicherlich eine akzeptable Erklärung; doch könnte der Begriff, da unsere Flurnamen – wie auch die Oberrißdorfer Gemarkung zeigt – relativ jung sind, auch so gedeutet werden: Gethfeld ist „gehendes“, sich bewegendes Feld, das „abgeht“, d.h. sich senkt.

Naturdenkmale

In der Oberrißdorfer Flur befinden sich keine Naturschutzgebiete, Flächennaturdenkmale oder Einzelobjekte, dagegen stehen in der Ortslage zwei Baumnaturdenkmale: an der Kirche eine Winterlinde (Tilia cordata): Stammumfang 2,5m, Höhe ca. 16m, geschätztes Alter 120 Jahre und Dorfstraße 23 eine Stieleiche (Quercus robur): Stammumfang 2,25m, Höhe ca. 9m, geschätztes Alter ca. 120 Jahre.

Die Infrastruktur Teil II

Die letzte Volks-, Berufs-, Wohnraum- und Gebäudezählung vor der Eingliederung Oberrißdorfs in die weiter östlich gelegene größere Gemeinde Hedersleben (1973) fand am 1. Januar 1971 statt. Ihre Ergebnisse geben einen tiefen Einblick in die Bevölkerungs- und Berufsstruktur, Wohnraumnutzung und Gebäudezustand vor dieser auf dem Verwaltungswege erfolgten Vereinigung. Oberrißdorf hatte 1971 (Stichtage siehe oben) 427 Einwohner, davon 112 in Kindesalter, 245 im arbeitsfähigen Alter und 70 im Rentenalter. Die Einwohnerdichte je Quadratkilometer betrug 71,2 bei einer Katasterfläche von 6 Quadratkilometern. Das Bildungsniveau der Wohnbevölkerung ab 16 Jahre (insgesamt 303 Personen) wurde wie folgt ermittelt: Hoch- und Fachschulabschluss 17, Facharbeiter- oder Meisterabschluss 126, mit Abitur oder 10. Klasse 8, ohne derartige Abschlüsse 152 Personen.

Am 1.1.1971 gab es in Oberrißdorf 139 Haushalte, davon 27 Einzelpersonenhaushalte und 112 Mehrpersonenhaushalte (mit 400 Personen). Die durchschnittliche Größe der Mehrpersonenhaushalte betrug 3,6; es waren im einzelnen: Haushalte mit 2 Personen 35, mit 3 Personen 26, mit 4 Personen 25, mit 5 Personen 13, mit 6 und mehr Personen ebenfalls 13. Von den Mehrpersonenhaushalten hatten 51 keine Kinder, 25 ein Kind, 16 zwei Kinder, 10 drei Kinder, 8 vier Kinder und 2 fünf Kinder und mehr. Wirtschaftlich Tätige gab es am 1.1.1971 insgesamt 181 Personen, davon 56 im Sektor Industrie/Bauwesen, 76 in der Landwirtschaft und 49 sogenannte „Übrige“. Wohngebäude wurden 1971 insgesamt 84 gezählt, dazu kamen ein „Nichtwohngebäude“ und eine Behelfsunterkunft. Der Wohnungsbestand betrug 137 Wohnungen mit 338 Wohnräumen. Im Durchschnitt gab es 2,8 Wohnräume, 59,1 Quadratmeter Wohnfläche und 40,1 Quadratmeter Zimmerfläche je Wohnung 1971. Nach dem Alter der 135 Wohnungen in den Wohngebäuden ergibt sich folgendes Bild: Baujahr

vor 1870: 52,6%,
1870 – 1899: 13,3%,
1900 – 1918: 4,4%,
1919 – 1932: 4,4%,
1933 – 1945: 4,4%,
1946 – 1960: 13,3%,
1961 – 1965: 5,2%,
nach 1965: 2,2%.

Deutlich lassen sich zwei Etappen intensiver Bautätigkeit erkennen: 1870 – 1899 und 1946 – 1960. Eine bedeutsame Erweiterung seines Grund – und Aufrisses erfuhr Oberrißdorf in der Periode des sich entfaltenden Kapitalismus, besonders nach der Reichsgründung von 1871, und in der Zeit der Durchführung der Demokratischen Bodenreform (Bau einer Siedlung mit 14 Neubaugehöften). Der Bauzustand der Wohnsubstanz wurde 1971 wie folgt eingeschätzt:

Stufe 1 (bis zu 5% Verschleißanteile; gut erhalten) 28,1%,

Stufe 2 (bis zu 25% Verschleißanteile; geringe Schäden) 50,4%,

Stufe 3 (bis zu 50% Verschleißanteile; größere Mängel gefährden bei Nichtbehebung Bestand und Funktionstüchtigkeit) 20,7%,

Stufe 4 (unbrauchbar) 0,7%.

Die Versorgung der Wohnungen mit Licht war 1971 zu % gewährleistet; die Wasserversorgung erfolgte zu 98,5% durch das öffentliche Netz und zu 1,5% durch eigene Anlagen. Gasnetzanschluss oder Versorgung mit Fernwärme war nirgends vorhanden. Die private Viehzählung von 1971 (Stichtag 30.11.) – also außer LPG und VEG – ergab folgende Resultate: 1 Fohlen, 1 Jungrind, 86 Schweine (1 Jungsau, 7 Jungschweine und 78 Mastschweine), ein Schaf, vier Ziegen, 40 Gänse (davon 11 zur Zucht), 209 Enten (davon 49 Zuchtenten), 43 Hähne, 813 Legehennen und 3 Hühnerküken. Deutlich erkennbar sind die starke individuelle Schweine-, Enten- und Hühnerhaltung, gering dagegen die der Gänse. Interessant sind auch die Ergebnisse der vorläufig letzten VBWGZ 1981, die für den Ortsteil Oberrißdorf der Gemeinde Heersleben aus den Zählkarten gesondert berechnet werden mussten.

1981 zählte Oberrißdorf 386 Einwohner, davon 195 männlich, 191 weiblich und 83 unter 17 Jahren. Gegenüber 1971 erfolgte ein Rückgang von 41 Einwohnern = 9,6%.

1981 bestanden folgende Häuser:

Dorfstraße 1 – 3, 3a, 4 – 5, 7 – 9, 9a, 10, 12 – 23, 23a, 24, 26 – 29a, 30 – 53;

Am Berge 1, 1a, 2 – 14;

(Bodenreform) Siedlung 1 – 14;

Hinterm VEG Nr. 1;

Gethgasse Nr. 1 und

Auswärtiges Gehöft Nr. 1 (Holländermühle);

insgesamt also 85 Wohnhäuser. Von diesen 85 Wohnhäusern waren 71 in Privatbesitz (= 83,5%), 13 volkseigen und 1 Haus genossenschaftliches Eigentum. 1981 verfügten alle Wohnhäuser über Licht- und Wasseranschluss und über Ofenheizung; 12 Wohnhäuser besaßen eine Zentralheizung. Anschluss an einen zentrale Kanalisation war nicht vorhanden. Von 128 in Oberrißdorf 1981 vorhandenen Wohnungen verfügten 81 über Bäder und 76 über Propangasanlagen. 1989 lebten in Oberrißdorf 171 Personen über 40 Jahre, davon 77 männliche und 94 weibliche.

Am westlichen Dorfausgang waren nach 1981 vier eingeschossige Eigenheime für je eine Familie entstanden (Dorfstraße 54 – 57), die Gethgasse hatte sich um ein Haus vermehrt (Nr. 2); in der Siedlung waren um 1982 die Häuser Nr. 15 und Nr. 16 erbaut worden, 1990 war Nr. 17 fertig und Nr. 18 im Bau; „Hinterm VEG“ entstand 1985 die Nr. 2, ein volkseigenes mehrstöckiges Gebäude für das VEG(T), dem auch die Häuser Dorfstraße 16 – 18 gehören. Es kam aber auch zu Baulücken, so Dorfstraße Nr. 11, Nr. 15 (war im Besitz des VEG Hübitz), Nr. 25 (Abriss vor 1981) und Nr. 44 (Abriss um 1985). 1989 war das Haus Am Berge 14, die Sandmühle , unbewohnt.

In Oberrißdorf gab es und gibt es bis heute keine Industriebetriebe, 1989 waren im Ort auch keine privaten oder genossenschaftlichen Handwerksbetriebe vorhanden. Seit Gliederung der LPG in LPG der Pflanzenproduktion und der Tierproduktion bearbeitet die LPG(P) Hedersleben die Äcker der Oberrißdorfer Flur. Oberrißdorf ist aber Standort zweier Betriebe der Tierproduktion: Das VEG(T) Eisleben/Abteilung Oberrißdorf betreibt Rinderzucht und Milchviehhaltung; 346 Kühe (Bestand am 1.4.1990) gebären monatlich 30 – 35 Kälber (pro Jahr 360 – 420), die nach 3 Monaten an andere Landwirtschaftsbetriebe abgegeben werden. Die Schweinemastanlage der LPG(T) „Neues Leben“ Hedersleben hat zwei Standorte: Hedersleben (55% der Kapazität) und Oberrißdorf (45%). Beide Anlagen verfügten am 1.4.1990 über 145 Muttersauen, die im Jahr pro Sau im Durchschnitt 22 Ferkel gebären; entsprechend dem Kapazitätsanteil entfallen demnach auf die Oberrißdorfer Anlage 65 Muttersauen mit 1430 Ferkeln im Jahr. 1990 gab es keine Schafherde in Oberrißdorf.

Das Agrochemische Zentrum Röblingen/See hat vor 1980 schon in der Oberrißdorfer Flur westlich der Ortslage einen Flugstützpunkt eingerichtet.

Das Dorf verfügt über eine Konsumlandgaststätte und eine Konsumverkaufsstelle „Waren des täglichen Bedarfs“ im Grundgeschoss der ehemaligen Dorfschule.

Diese Dorfschule bestand bis Ende August 1953 als selbständige zweiklassige Schule (1. – 4. und 5. – 8. Schuljahr). Ab 1. September 1953 wurde die 5. – 8. Klasse in Hedersleben unterrichtet, die 1. – 4. Klasse verblieb bis 31. August 1967 – ab 1962 als Nebenstelle der POS Hedersleben – in Oberrißdorf. Ab 1. September 1967 wurden alle Oberrißdorfer Schulpflichtigen in Hedersleben unterrichtet, wo im Januar 1983 ein Schulneubau bezogen wurde (Einzugsbereich: Hedersleben, Oberrißdorf, Dederstedt, Volkmaritz, Neehausen, Elbitz).

1967 begannen in der ehemaligen Oberrißdorfer Dorfschule Umbauarbeiten, die 3 Jahre dauerten; danach konnte ab 1970 das Grundgeschoss als Konsumverkaufsstelle „Waren täglicher Bedarf“ seine Funktion aufnehmen, das Obergeschoss wurde als Wohnraum eingerichtet.

In Oberrißdorf gab es 1990 einen Dorfkindergarten mit 18 Plätzen im ehemaligen Gutswohnhaus Scheele; eine Kinderkrippe ist im >Ort nicht vorhanden.

Der Landsportplatz Oberrißdorf befindet sich östlich der Ortslage an der Straße nach Hedersleben; die sporttreibenden Oberrißdorfer Gruppen und Arbeitsgemeinschaften waren der  BSG Traktor Hedersleben angeschlossen.

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